5 Jahre RESPEKT! – Täter*innenarbeit häusliche Gewalt in Mittelfranken
Seit fünf Jahren gibt es in Mittelfranken die Fachstelle RESPEKT! – Täter*innenarbeit häusliche Gewalt, getragen von der Stadtmission Nürnberg e.V. und dem Treffpunkt e.V. Das Angebot richtet sich an Menschen, die in Partnerschaften Gewalt ausüben: körperlich, psychisch, verbal, ökonomisch oder digital. Ziel ist es, Gewalt zu beenden und Betroffenen ein Leben ohne Angst zu ermöglichen.
Warum Täterarbeit notwendig ist, erklärt Susanne Scharch, Verantwortliche für die Fachstelle im Treffpunkt e.V., die von Anfang an dabei ist: „Mich hat die Arbeit mit den Tätern interessiert.“ Denn Studien zeigen: „Paare bleiben trotz Gewalt oft zusammen. Es reicht also nicht, Frauenhäuser oder Opferschutzeinrichtungen anzubieten. Man muss auch bei den Tätern ansetzen und die Gewalt beenden: für die aktuelle und für mögliche zukünftige Partnerschaften.“
Entstanden ist die Fachstelle im Zuge der Istanbul-Konvention. Bayern beschloss, in jedem Regierungsbezirk entsprechende Einrichtungen einzurichten. In Mittelfranken übernehmen das seit fünf Jahren der Treffpunkt e.V. und die Stadtmission Nürnberg e.V. Das Ministerium wollte damals zwei Träger im Gebiet Mittelfranken. Durch den gemeinsamen Standort Nürnberg profieren heute beide Träger gleichermaßen: So können Räume, Netzwerke und Ressourcen geteilt werden.
„Wir fordern eine klare Haltung ein“
Der Weg in die Fachstelle ist für viele der schwerste Schritt. „Das erste Mal bei uns vor der Tür zu stehen und zu sagen: ‚Ich habe geschlagen.‘ ist eine enorme Hürde“, berichtet Jan Pliszewski, Verantwortlicher der Fachstelle für die Stadtmission Nürnberg e.V. Danach beginnt eine intensive Auseinandersetzung mit den eigenen Taten: zunächst in Einzelgesprächen, später in einer Gruppe mit maximal acht Teilnehmern.
In 25 Gruppensitzungen werden Taten minutiös aufgearbeitet: Auslöser, Gedanken, Gefühle, Körperreaktionen. Ziel ist es, neue Strategien zu entwickeln, um in Konflikten ohne Gewalt zu reagieren. „Wir fordern Verantwortung ein. Niemand kann die Zeit bei uns einfach absitzen. Die Gruppe lebt davon, dass sich die Täter öffnen und einander spiegeln.“, so Jan Pliszewski.
Der überwiegende Teil der Klienten sind Männer (ca. 88 %), die in Gruppen an sich arbeiten. Frauen und nicht-binäre Personen werden in Einzelsitzungen betreut.
Wenn Veränderung gelingt
Dass Täter*innenarbeit wirkt, zeigt das Beispiel eines jungen Mannes, das den Mitarbeitenden besonders im Gedächtnis geblieben ist. Er hatte seiner Partnerin gegenüber Gewalt angewendet und kam mit dem Vorsatz: Sollte es je wieder passieren, werde er sich trennen.
„Ich war anfangs sicher, dass die Beziehung nicht halten würde“, erinnert sich Susanne Scharch. Doch beide Partner arbeiteten mit. Der junge Mann stellte sich konsequent seinen Themen, reflektierte Auslöser seiner Wut und probierte neue Kommunikationsmethoden. Die Partnerin – ohne jegliche Verantwortung für die Veränderung zu tragen – unterstützte ihn, indem sie Übungen mitmachte, wie etwa wöchentliche Gesprächszeiten, bei denen beide abwechselnd fünf Minuten lang ungestört reden konnten. So entwickelte sich langsam eine stabilere Beziehung. Konflikte wurden offener angesprochen, Grenzen besser respektiert.
Trotz dieser gemeinsamen Entwicklung bekam die Partnerin circa ein Jahr nach der Tat Albträume. Das zeigt deutlich, wie tief und lang Gewalt nachwirkt. Selbst wenn ein Täter Verantwortung übernimmt und sich ehrlich verändert, verschwinden die Folgen für die Opfer nicht einfach.
Dieses Beispiel steht für viele Erfahrungen der letzten Jahre: Veränderung ist möglich, aber sie erfordert Zeit, Ehrlichkeit und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Zwischen Erfolg und Belastung
Doch nicht jede Geschichte geht so aus. Manche Teilnehmer brechen ab, andere sind schlicht nicht geeignet für das Programm. Hinzu kommt die hohe Belastung für die Mitarbeitenden. „Wir hören Woche für Woche Gewaltschilderungen. Das setzt zu. Deshalb ist Supervision so wichtig, und klare Grenzen, etwa keine Fallarbeit im Homeoffice.“, so Susanne Scharch.
Auch organisatorisch stößt die Fachstelle an Grenzen. Die Nachfrage ist hoch, die Kapazitäten sind begrenzt. Teilweise muss die Fachstelle Menschen abweisen, die so dringend Unterstützung brauchen. Das geht nicht spurlos an den Mitarbeitenden vorbei.
Blick in die Zukunft
Zum Jubiläum blickt RESPEKT! mit Stolz auf fünf Jahre intensive Arbeit zurück. Gleichzeitig aber auch mit klaren Forderungen nach mehr Ressourcen. „Mein Wunsch ist ein stabiles Team, mehr Zeit für Austausch und eine bessere Ausstattung. Täter*innenarbeit ist nicht nur Gruppenarbeit, sondern auch Öffentlichkeitsarbeit, Netzwerken, Vorträge, Fallkonferenzen. Dafür braucht es mehr Personal und eine bessere Finanzierung.“, erklärt Susanne Scharch.
Eines hat sie in dieser Zeit besonders gelernt: Gewalt hat viele Gesichter. „Sie ist oft subtil, schwer erkennbar und nimmt immer neue Formen an, auch digital. Wir müssen uns als Gesellschaft viel stärker sensibilisieren.“
Nach fünf Jahren ist RESPEKT! fest in Mittelfranken fest verankert. Die Arbeit bleibt herausfordernd, aber unverzichtbar. Denn, so Jan Pliszewski: „Nur im Zusammenspiel von Täter*innenarbeit, Opferschutz, Polizei und Justiz können wir eine gewaltfreie Zukunft erreichen.“



