Wir arbeiten jeden Tag mit Jugendlichen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Unsere Erfahrungen beruhen nicht auf Studien, sondern auf Begegnungen, Gesprächen und gemeinsamer Arbeit. Dabei begegnen uns auch immer wieder Mythen und eine Realität, die oft ganz anders aussieht.
Mythos 1: „Einmal kriminell – immer kriminell“
Dieser Satz hält sich hartnäckig, doch er entspricht nicht unserer Erfahrung. Jugendstraffälligkeit ist häufig eine Phase. Sie gehört für manche zum Prozess des Erwachsenwerdens: Grenzen austesten, Fehler machen, daraus lernen.
Verhalten ist erlernt und kann wieder verlernt werden. Die Jugendlichen unterscheiden häufig klar zwischen „so sollte man sich benehmen“ und „so läuft es auf der Straße“. In ihrem Freundeskreis gelten eigene Regeln: „Wenn mich jemand provoziert, muss ich reagieren.“ In sozialen Trainingskursen arbeiten wir genau daran. Wir besprechen Konsequenzen, alternative Handlungsoptionen und hinterfragen Vorstellungen von Männlichkeit und Stärke.
Mythos 2: Arbeitsstunden sind nur Müllaufsammeln
Oft wird angenommen, Sozialstunden abzuleisten, bedeutet ausschließlich Müllsammeln. Das stimmt nicht. Viele Jugendliche übernehmen unterschiedlichste Aufgaben, wie bspw. Pflege von Außenanlagen, handwerkliche Tätigkeiten oder auch hauswirtschaftliche Aufgaben. Tätigkeiten, für die Angestellte häufig nicht genug Zeit haben. Die Jugendlichen erleben, dass ihr Einsatz gebraucht wird und dass sie Verantwortung tragen können.
Mythos 3: Kriminalität ist ein Problem bestimmter Gesellschaftsschichten
Auch dieses Vorurteil begegnet uns häufig. Unsere Erfahrung zeigt aber: Kriminalität zieht sich durch die gesamte Gesellschaft. Straffälligkeit hat viele verschiedene Ursachen: gesellschaftliche Rahmenbedingungen, mangelnde Bildung, beengte Wohnverhältnisse, fehlende Rückzugsorte oder instabile Beziehungen. Wer beispielsweise mit vielen Menschen auf engem Raum lebt, hält sich eher draußen auf und gerät dadurch auch schneller in Gruppendynamiken oder Kontrollen. Das macht Verhalten erklärbarer, aber nicht entschuldbar. Nur wenn wir Ursachen des Verhaltens verstehen, können wir gemeinsam mit Betroffenen an Verhaltensänderung arbeiten.
Typische Fehler im Umgang mit den Jugendlichen
- Reduzierung auf die Straftat: Sie ist nur ein Teil der Biografie und macht nicht die ganze Person aus.
- Vorgefertigte Bilder: Wer jungen Menschen mit einer festen Meinung begegnet, verhindert Offenheit.
- Übermäßige Härte: Strafe allein verändert keine Ursachen und kein Verhalten.
- Ungerechte Einordnung: Ein großer Teil der jugendlichen Straftäter wird oft nur einmal straffällig.
Als einfache Antwort auf komplexe Fragen wird oft nach härteren Konsequenzen gerufen. Es geht um Verhaltensänderung, Strafe reicht dafür nicht und hat sogar oft den gegenteiligen Effekt. Daher stellt das Jugendgerichtsgesetz den Erziehungsgedanken in den Mittelpunkt. Uns geht es darum, Ursachen zu betrachten und Entwicklung zu ermöglichen.
Was Jugendliche wirklich brauchen
Jugendliche brauchen Orientierung und Klarheit: Sie müssen wissen und verstehen, welches Verhalten welche Konsequenzen hat. Sie brauchen das Gefühl, angenommen zu sein, auch wenn sie Grenzen austesten. Viele haben biografische Brüche erlebt: Umzüge, Flucht, instabile Betreuungsverhältnisse. Häufig wechseln Bezugspersonen und die Kontinuität fehlt.
Sie brauchen Erwachsene, die bleiben. Vorbilder, besonders im Umgang mit Konflikten, Emotionen und Männlichkeit. Gefühle sollten bewusst wahrgenommen und artikuliert werden können. Und sie brauchen Erfolgserlebnisse: die Erfahrung, etwas zu können und gebraucht zu werden.
Vor allem aber brauchen sie Menschen, eine Gemeinschaft, die versucht, die Hintergründe einer Straftat zu sehen und dort anzusetzen. Wird ein Jugendlicher beispielsweise wegen Diebstahls verurteilt, so ist es an uns, zu erfragen, was der Auslöser war. Wichtig ist, den Menschen hinter dem Verhalten zu sehen. Und ihn dabei zu unterstützen, hilfreiche, neue Verhaltensmuster aufzubauen.
Das Vorurteil „einmal straffällig immer straffällig“ ist Quatsch. Menschen sind entwicklungsfähig. Wer ihnen Orientierung, Beziehung und echte Chancen gibt, erlebt Veränderung. Nicht durch Stigmatisierung, sondern durch Vertrauen, Klarheit und konsequente Begleitung.



Wie abwechslungsreich die Treffen sind, zeigte sich zuletzt bei einem angeleiteten Hundetraining mit 





